60 Jahre erstes deutsches Patent zu den Gleitsichtgläsern

Mi, 23.01.2013
Rolf Riekher

Am 31.01.1953 wurde von Prof. Ernst Lau, Dr. Georg Jaeckel und Ing. Rolf Riekher vom Institut für Optik und Feinmechanik der Deutschen Akademie der Wissenschaften (IOF der DAW), Berlin-Adlershof, das Deutsche Wirtschaftspatent DWP 11312 „Brillenglas mit gleitender Dioptrienzahl“ im Patentamt der DDR hinterlegt.

Von den damaligen 3 Autoren lebt heute noch Herr Riekher im Alter von 90 Jahren in Berlin, dem diese Würdigung zugeeignet ist.

Zur Vorgeschichte: Schon 1909 und 1910 wurden von Orford (USA) und Poullain und Cornet (Frankreich) asphärische Brillengläser verschiedener Typen vorgeschlagen, die aber mit damaliger Technologie nicht herstellbar waren. Anfang der 50er-Jahre wurde erneut über die Ablösung der Bifokalgläser nachgedacht: In Deutschland war es Prof. Lau, der seine Unzufriedenheit mit seiner Bifokalbrille zum Anlass nahm, seine Mitarbeiter G. Jaeckel und R. Riekher mit der Idee gleitender Dioptrienzahl zu konfrontieren, in Frankreich arbeitete in dieser Zeit M.B. Maitenaz, weil er die gleichen Probleme an der Bifokalbrille seines Vaters beheben wollte.

Die aus den unabhängigen parallelen Arbeiten entstandenen ersten Patente wurden auf deutscher Seite am 31.01.1953 und auf französischer Seite am 25.11.1953 hinterlegt.

1953/1954 schlossen sich weitere Patente aus Adlershof an. Im ersten Halbjahr 1953 hatte Herr Riekher eine Technologie für Kleinserien entwickelt. Schon im zweiten Halbjahr 1953 kam ein größerer Personenkreis zu der Feststellung, dass die Gläser physiologisch gut verträglich sind und Vorteile beim Sehen bieten. Diese erste physiologisch verträgliche Gleitsichtbrille bedeutete die entschiedene Abkehr von der damals verbreiteten Forderung nach punktueller Abbildung. Prof. Lau trug dann zeitlebens eine von Herrn Riekher hergestellte Gleitsichtbrille.

Während die französischen Arbeiten bei ESSILOR stattfanden, hatte die traditionell sehr enge Kooperation zwischen der Adlershofer Optik und dem VEB Carl ZEISS Jena das Angebot der Technologie in Jena zur Folge. Die Entwicklung auf dem Gebiet der Gleitsichtbrille wurde maßgebend von Herrn Riekher vorangetrieben, erst als Laborserie und dann als Großversuch mit beginnender Auslieferung ab 1960. 1969 entschied man in Jena, die Gleitsichtgläser nicht herzustellen, da Brillengläser zu den „einzuschränkenden Erzeugnisgruppen“ (D. Kalder, „Gleitsichtgläser“, WVAO-Verlag, Mainz, 2003) gehörten. Gleichzeitig erwachte um diese Zeit das Interesse anderer deutscher Firmen an den Gleitsichtgläsern mit heutigen kommerziellen Erfolgen.

Rolf Riekher wurde 1922 in Schwerin geboren, ergriff den Beruf eines Augenoptikers und baute ab 1946 eine selbständige Firma zur Herstellung von Brillengläsern auf. Ernst Lau, angesehener Wissenschaftler aus der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, konnte nach 1946 eine Forschungsstelle für Optik zunächst in seinem Privathaus in Berlin-Karow betreiben, die dann in Berlin-Adlershof als schnell wachsendes „Institut für Optik und Feinmechanik der Deutschen Akademie der Wissenschaften“ weiterarbeitete. 1951 konnte Prof. Lau Herrn Rolf Riekher zur Mitarbeit gewinnen. Bis zum Beginn seines Ruhestandes 1987 war Herr Riekher dann wissenschaftlicher Abteilungsleiter im Institut, das 1971 zum Zentralinstitut für Optik und Spektroskopie erweitert wurde und das zu wesentlichen Projekten der DDR auf den Gebieten Optik, Lasertechnik und Spektroskopie entscheidende Beiträge leistete. Alle optisch-technologischen Fragen wichtiger Projekte, insbesondere zu den Themenkomplexen Asphären und Sondermaterialien, liefen über Herrn Riekher.

Neben diesen technologischen Entwicklungen galt sein Interesse der Geschichte der Fernrohre. Sein Buch „Fernrohre und ihre Meister“, erschienen 1957 in 1. und 1990 in 2. Auflage, wird von Instrumentensammlern, aber auch von vielen optisch Interessierten hoch geschätzt. Beispielsweise erhielt Herr Riekher die Lipperhey-Medaille in Middelburg, der Stadt der Erfindung des Holländischen Fernrohrs. Zum vielverbreiteten „ABC der Optik“ trug er wesentliche Teile bei.

Seit seinem Ruhestand beschäftigt er sich intensiv mit dem Schaffen von J. von Fraunhofer, insbesondere als Glasschmelzer, und hat inzwischen die ausführlichste Dokumentation dazu erarbeitet. Mit 86 Jahren hat er noch die Schriften zur Optik von Johannes Kepler in „Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaft, Band 198“ editiert und durch eine ausführliche Optik-Geschichte der Kepler-Zeit ergänzt.

Bedeutende staatliche Auszeichnungen wurden ihm vor und nach der Wende verliehen, nicht zuletzt auch die Ehrenmitgliedschaft der DGaO.

Diese Erinnerung an das entscheidende Patent vor 60 Jahren ist verbunden mit dem Dank an Herrn Riekher für seine zielstrebige Arbeit an einer segensreichen Erfindung und mit den besten Wünschen für sein persönliches Wohlergehen.

Es ist zu sehen: Die Unzufriedenheit zweier älterer Herren mit der Zweistärkenbrille konnte eine ganze Technologieentwicklung in Bewegung setzen.

Reiner Güther, FBH, Berlin-Adlershof